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das kulturelle überformat
Nr. 18 / 3. Oktober 2008
#Kolumne von Hanspeter Künzler, London
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gedankengang
Kolumne von Hanspeter Künzler, London

ihm macht sich Casey an der Slide-Gitarre zu schaffen. Beide drücken sie zudem an den Pedalen und Schaltern herum. Zusammen nennen sie sich Blacksand und kredenzen – gemäss MySpace-Seite – «Guitar Based Electronica in Unusual Places». So haben sie ihre Musik auch schon in einem rostenden U-Boot, einem verlassenen Bergwerk und in einer kaputten Fabrik inszeniert.

Die Form dieser durch und durch improvisierten Musik überrascht wenig: hauchdünne elektronische Klangtexturen greifen ineinander, übereinander und driften auseinander, dazwischen setzen die beiden Gitarristen Akzente und Wegweiser mittels rudimentären Melodien, Mini-Riffs, Zupfen und Schaben. Manchmal muten die Resultate, die geradezu nach dem Adjektiv «meditativ» schreien, an wie eine Art Zeitlupen-Pink Floyd. Häufiger aber fühlt man sich in diesem dunklen Wald an die abenteuerlichsten Tage des Krautrock erinnert, nur halt ohne Bongos, LSD und das hexenhafte Gesäusel von Renate Knaup-Krötenschwanz.

Das Publikum auf der Hampstead Heath reagiert richtiggehend artgerecht: zwei riskieren Kopf und Kragen, indem sie im Dunkel Bäume besteigen. Das wäre mit LSD allerdings nie gegangen! Andere liegen ausgestreckt auf dem Boden und stänkern über den Fotografen, der ihre Reverie mit Blitzen stört. Wieder andere wandern in den Nebel hinaus: im Silberlicht zwischen den Büschen vermischen sich Nebel, Musik und frühmorgendliches Vogelkonzert wie ein ätherisches Alchemistengebräu.

Selbst einen wie ich, der in keiner Weise transzendenten Tendenzen nachhängt und beim Wort Yoga zuerst an kleine Bären denkt, versetzt das in eine ungewohnte Stimmung. Sie gleicht ein bisschen dem Gefühl, das einen unweigerlich erfasst, wenn man in einer neuen Stadt steht, das Hotel gefunden, den Koffer abgestellt hat und jetzt endlich richtig entspannt durchatmen kann: