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das kulturelle überformat
Nr. 28 / 2. November 2009
#Konsequent nonkonform
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dossier: Aussenseiter
Konsequent nonkonform

Nächster Pub, nächste Jukebox. Im «Westbury» laufen in Endlosschlaufe Tanz- und R&B-Nummern aus den Charts – die Musik also, die statistisch gesehen zurzeit den Ton der Nation angibt. Von dieser Warte aus betrachtet ist die Musk, die in «Father Ted’s» und «The Good Ship» genossen wird, krasse Aussenseitermusik. Aber im Vergleich zu den Alben und Künstlern, die in der monatlichen Fachzeitschrift «Wire» besprochen werden, gehören alle drei Jukeboxes eindeutig in die Kategorie «Middle of the Road». «Wire» suhlt sich förmlich im Treibsand der Marginalien. Auf den Plattenrezensionsseiten wimmelt es von Namen, die selbst jahrzehntelangen musikalischen Aficionados grösstenteils unbekannt sind. Die Vermutung liegt nahe, dass hier fast jeder Künstler, der Erwähnung findet, ein totaler «Outsider» sein müsste. Doch das stimmt nur zum Teil. Denn «Wire» und ein fein gestricktes Netz von Internetseiten verhilft diesen Künstlerinnen und Künstlern zu einer «Szene», in welcher sie im Gegenteil als «Insider» gelten.

Aussenseitermusik lässt sich auch nach dem Umstand definieren, dass für die Verbreitung dieser Art von Musik keine konventionellen Mittel wie Plattenfirmen und die üblichen Konzerthallen verwendet werden. Wenigstens der Theorie nach geniessen solche Künstler absolute Freiheit. Einer nochmals anderen Definition zufolge ist Aussenseitermusik Musik aus dem Randgebiet zwischen Exzentrizität und Psychose, zu vergleichen mit den Arbeiten der Patienten in der psychiatrischen Klinik «Gugging» am Rande von Wien. Der dort wirkende Psychiater Leo Navratil bezeichnete die Resultate treffend als «zustandsgebundene Kunst». Florence Foster Jenkins, Queen der musikalischen Grässlichkeit, gehört ebenso in diese Kategorie wie Daniel Johnston mit seinen entwaffnend unreflektierten Botschaften aus der Einsamkeit, oder die konsequent anti-harmonischen Gesänge des schizophrenen Strassenmusikers Wesley Willis aus Chicago. Dieser nannte seine Band selbstironisch Wesley Willis Fiasco und sang Lieder mit Titeln wie «I Whupped Batman’s Arse» und «Casper the Homosexual Friendly Ghost».