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das kulturelle überformat
Nr. 25 / 22. Juni 2009
#Kolumne von Rudolf Amstutz, New York
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gedankengang
Kolumne von Rudolf Amstutz, New York

gelockert und mit Aktenkoffer bewaffnet, besteigen den Zug, setzen sich und widmen sich danach gleich ihren iPhones respektive dessen musikalischen Inhalten. Das Display liess sich leicht einsehen. Der eine gönnte sich für die Heimfahrt Eminem. Der andere hatte wohl einen nicht gänzlich zufrieden verlaufenden Tag, bombardierte er sich doch gleich mit den unzimperlichen Klängen der Speed-Metal-Band Suicidal Tendencies. So weit so ungewöhnlich. Doch dann zückten sie ihre Lektüre. Der Mann mit dem ultraharten Metal-Soundtrack verzog sich in die Börsenkurse des Wall Street Journals und der Liebhaber kompromissloser Reimakrobatik in «Die Pest» von Albert Camus. So also lässt sich das Elend der Wirtschaftskrise bebildern, dachte ich. Auf zwei mickrigen Quadratmetern therapieren sich zwei Opfer des Niedergangs mit völlig unterschiedlichen gleichsam explosiven kulturellen Cocktails.

Fazit: als passiver Leseverhaltensbeobachter lässt sich dieser Anblick nicht mehr toppen. Noch einmal kurz die Finger lockern und dann wird es Zeit, wieder gemeinsam mit Pynchon Hand in Hand die Subway zu besteigen. «Gegen den Tag» und gegen die Zeit…

Rudolf Amstutz