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das kulturelle überformat
Nr. 23 / 14. April 2009
#Joseph O'Neill
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literatur
Joseph O'Neill

Viele Amerikaner finden New York unfreundlich. Aber das stimmt nicht. New York ist sehr freundlich. Niemand dort stellt deine Anwesenheit in Frage. Die ganze Stadt wirkt wie ein großes gemeinsames Projekt. Die New Yorker halten zusammen und helfen einander. Das ist in London oder Berlin nicht der Fall. In New York ist es egal, ob man ein Freak ist oder ein Konservativer. Die Stadt gibt dir das Gefühl, dort wirklich willkommen zu sein.
Joseph O’Neill, Interview in «Bookmarks» 04/2009
Diese Stadt erlaubt einem keine Antworten auf die selbst gestellten Fragen. Dafür verleiht sie irgendwann dem Menschen, der in ihr lebt, ein Grundgefühl für sie zu entwickeln. New York ist kein sachliches Gegenüber und man kann sie nur finden, wenn man sie wie ein Subjekt betrachtet. Wie keine andere Stadt dieser Welt verlangt sie von einem Gefühle, bevor sie willens ist eine Beziehung einzugehen. Natürlich lässt sich New York besuchen, aber es wird stets ein zartes Klopfen auf die Oberfläche bleiben. Erst wenn man sie lernt zu lieben oder zu hassen oder beides, wird sie einem die Türe öffnen.

Der Autor Joseph O’Neill hat recht, wenn er meint, die Stadt wirke wie ein grosses gemeinsames Projekt. Von Immigranten erbaut, ist sie eine Stein gewordene Philosophie, eine Lebenshaltung, ein autonomer Kosmos, der in sich die ganze Welt vereint. O’Neill, der in Irland mit türkischen Wurzeln geboren wurde und in Holland aufgewachsen ist und nun in New York lebt, hat eben diesen Weg des Immigranten zurückgelegt. Vierzig Prozent aller New Yorker sind keine Amerikaner und die Herkunft jedes zehnten US-Bürger lässt sich nach Brooklyn zurückverfolgen: New York City, mit seinen fünf Stadtteilen und seinen acht Millionen Einwohnern ist der Knotenpunkt der Zivilisation und ein Modell für die ganze Welt.